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Prolog

Das Schlucken fiel ihm schwer. Etwas steckte in seinem Mund, drückte seine Zunge nach unten. Er konnte den Mund nicht öffnen. Arnaud versuchte sich zu bewegen. Es funktionierte nicht. Er lag auf der Seite. Seine Hände waren auf den Rücken gebunden. Seine Schultern, seine Knie, alles tat ihm weh. Die Beine ließen sich nicht strecken, sie waren schmerzhaft weit nach hinten gebogen. Die Füße hinten gefesselt. Harter Boden unter ihm. Dunkelheit um ihn herum.
Ganz allmählich schälten sich Konturen aus der Schwärze. Vor seinen Augen erschien eine Mauer. Alte Steine. Den Kopf konnte er ein wenig bewegen. Wenn er ihn nach oben drehte, konnte er Schemen einer hohen Steindecke ausmachen. Er hatte keine Ah- nung, wo er war. Wie er hierher gekommen war. Er wand sich in den Fesseln, um sie ein Stückchen zu lockern. Umsonst. Die allerkleinste Bewegung der Beine zerrte an seinen Händen. Professionelle Arbeit, keine Frage. Ihm kamen die Augen der Tiere in den Sinn. Tiere, die er betäubt und fixiert hatte.
Ihm war übel. Er kämpfte gegen die Benommenheit. Wo endete die Erinnerung? Er dachte krampfhaft nach. Die Fahrt nach Orange … das Essen im Restaurant …
»Du bist wach.« Eine Stimme aus der Finsternis. »Dann können wir beginnen.«
Arnaud spürte die Kälte, die vom harten Boden in ihn hinein- kroch. Beginnen womit? Was wollte man von ihm? Die Luft roch feucht und abgestanden. Hatte man ihn verraten?
»Du fragst dich, warum du hier bist, Arnaud Brunel?«
Für einen Moment hatte er geglaubt, eine Erinnerungsspur ge- funden zu haben. Antike Mauern …
»Denk nach, Arnaud Brunel, denk scharf nach.«

Sein Kopf ruckte herum, soweit es ging. Die Stimme schien aus der anderen Ecke des Raumes zu kommen. Er konnte niemanden sehen.
»Ich will, dass du eine Lektion lernst.« Bedächtig sprach die Stimme, nahm sich Zeit. Kostete aus, dass er unterlegen war. Hatte er sie schon einmal irgendwo gehört?
Sein Körper schmerzte, die Fesseln schnitten ihm in die nackten Unterarme. Seine Hände fühlten sich taub an. Er musste einen Fehler gemacht haben, an irgendeiner Stelle … Dabei war er so vor- sichtig gewesen. Die Gedanken fielen ins Leere. Spitze Steine stachen in seine Seite, in seinen Kopf. Sein Nacken war ganz steif, die Beine schienen zu reißen. Aus weiter Ferne drangen gedämpfte Töne an sein Ohr. Es klang wie … klassische Musik …
»Lerne deine Lektion, Arnaud Brunel.«
Er wand sich einmal mehr in den Fesseln, stöhnte, versuchte sich irgendwie mitzuteilen. Das Atmen wurde mühsamer, das Luftholen durch die Nase fiel schwer. Mit einem Mal bekam er Angst zu ersticken.
»Keine Sorge, du wirst genug Zeit zum Bereuen haben. Es wird lange dauern. Genau genommen wird es deine längste Nacht wer- den. Und deine letzte zugleich. Du wirst viel Zeit haben – ehe du stirbst.« Zuversicht, beinahe so etwas wie Heiterkeit lag in der Stim- me. Und sie schien sich zu nähern.
Arnauds Herz begann zu rasen. Er gab verzweifelte Laute von sich. Strengte sich noch einmal an, die Fesseln zu lockern.
Die Stimme lachte. »Denkst du etwa, dass du dich retten kannst?« Erneutes Lachen. Höhnisch. Dann sehr ernst: »Hast du Gnade ge- kannt? Heute werden sich deine Grausamkeiten rächen. Heute Nacht wirst du büßen, Arnaud Brunel.« Jetzt war die Stimme nah an seinem Ohr.

»Mal überlegen, was hättest du wohl verdient … Wie wäre es dir am liebsten? Ach so, du kannst ja nicht antworten, wie dumm von mir. Nun, dann werde ich bestimmen.«
Eine Pause. Arnaud hielt die Luft an. Sekunden verrannen, bis die Stimme wieder einsetzte. Leise und sehr langsam: »Ich will, dass du leidest.«
Etwas Glänzendes erschien in seinem Blickfeld. Er blinzelte, bemühte sich, die Augen scharf zu stellen. Der Schock fuhr ihm in die Knochen, als er eine Nadel ausmachte. Eine Nadel, die an einer Spritze steckte. Mit hektischen Bewegungen versuchte Arnaud, zur Seite auszuweichen.
Die Stimme lachte von neuem. »Wie rührend du dich bemühst! Dabei ist die Entscheidung längst gefallen. Es ist vorbei.«
Trotz der Kälte spürte Arnaud Schweißperlen, die seine Stirn hi- nunterrannen. In seine Augen liefen. Er atmete in kurzen, schnellen Zügen. Und bekam doch nicht genug Luft. Ihm wurde schwindelig.
»Ich habe gehört, es fühle sich an, als würde man von innen ver- brennen. Die Idee gefällt mir. Ein Fegefeuer in deinen Adern. Ein Vorgeschmack, ehe du in die Hölle fährst.«
Er kämpfte gegen einen Würgereiz. Spürte mit einem Mal etwas Warmes, Feuchtes, das seine Beine hinablief. Den Stoff seiner Hose durchnässte.
»Wir haben noch eine ganze Weile zum Plaudern. Das hier drin«, die Spritze bewegte sich hin und her, »wird sich langsam in deinem Körper ausbreiten. Am Anfang wird es dich wärmen. Ein kleines Geschenk von mir. Dann wird es heißer werden, immer heißer, wird dich von innen kochen. Auf kleiner Flamme garen. Ich werde dich derweil unterhalten. Damit dir nicht langweilig wird.«
Die Stimme begann zu summen. Eine Melodie, die vertraut klang, wie aus Kindertagen, wie ein Wiegenlied … Die Spritze tanzte vor seinen Augen. Er starrte auf die feine silberne Nadel. Das hier war echt. Sein Ende. Einfach so …

Das Summen verstummte.
»Und jetzt erfährst du, warum du sterben wirst, Arnaud Brunel.« Ein Gesicht tauchte über ihm auf.

 

Kapitel 1

Mittwoch, 26. Juni 2013

Schon wieder ein schlechter Kaffee. Hannah Richter strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und rührte gedankenverloren mit dem Löffel in dem Koffeingebräu. Woher stammte bloß der Mythos vom schmackhaften Café au Lait? Gewiss nicht aus der Provence, so viel stand fest. Seit sie vor einer Woche hier angekommen war, hatte Hannah noch nicht einen wirklich guten Kaffee getrunken. Für einen Coffeeholic eine Qual, die an mittelschweren Entzug grenzte. Dabei waren die Maschinen gar nicht mal übel. Wo lag dann das Problem? Menschliches Versagen? Zu heiß gebrüht, zu bitter, zu wenig oder falsch temperierte Milch, zu viel Schaum. Oder diese unsägliche Angewohnheit, haltbare, fettarme Milch zu ver- wenden, geschmacklich ein völliges No-Go.
»Einen Cappuccino«, hatte sie beim Kellner bestellt und hinzugefügt: »Ohne Schokolade bitte.«
»Aber ohne Schokolade ist es kein Cappuccino. Einen Café Crème also.«
Resigniert hatte Hannah auf eine Diskussion über Kaffeevariationen, Espressobohnen, Röstverfahren und Milch-Schaumanteile verzichtet und lediglich genickt.
Von der Kaffeeproblematik einmal abgesehen, fühlte sie sich eigentlich ganz wohl in ihrem temporären Zuhause. Sie ließ den Blick umherschweifen. Einheimische und Touristen bevölkerten das klei- ne Café am Ortseingang von Vaison unweit der Pont Romain, der alten Römerbrücke, die über die Ouvèze führte und die mittelalter- liche Oberstadt mit der Neustadt verband. Hannah gefiel das Städtchen, dessen voller Name Vaison-la-Romaine lautete. Der mittelalterliche Teil mit seinen engen Gassen schmiegte sich an einen markanten Felsen. Oben auf dem Felsen thronte, weithin als Ori- entierungspunkt sichtbar, die Ruine eines Châteaus, ein melancholisch anmutendes Überbleibsel einer stürmischen Zeitspanne, in denen sich Herrscher vielfältig abgewechselt hatten. Jenseits des Flusses breitete sich auf sanften Hügeln die Neustadt aus. Sie be- herbergte, und dadurch hob sich Vaison von anderen pittoresken Provencedörfern ab, ein weitläufiges Areal mit Ausgrabungen aus dem ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus. In der Mitte der Anlage erhob sich als Herzstück ein römisches Antiktheater.

Drei Monate würde Hannah »die provenzalische Polizei mit ihrem kriminologischen Wissen und ihren fundierten Kenntnissen unterstützen, französische Fachtermini lernen und ein Mosaikstein im Rahmen der Angleichung europäischer Ermittlerarbeit sein«. So hatte es zumindest in der Ausschreibung geheißen. Hannah hatte keine Sekunde gezögert, als ihr Chef von dem Austauschprogramm erzählte, das sich eine fortschrittsgesinnte Kommission in Brüssel ausgedacht hatte. Eine durchaus willkommene Ablenkung von ihrem Arbeitsalltag bei der Kripo Köln. Und zugleich eine absolut überfällige räumliche Trennung von Justus.
Während ihres Aufenthalts in der Provence würde sie Polizeistationen unterschiedlicher Größe kennenlernen. Nach Vaison-la-Romaine folgten Arles und Marseille. Hannah war zunächst überrascht gewesen, dass man sie als Erstes in die Gendarmerie eines kleinen Nests steckte. Doch dann hatte sie recherchiert und heraus- gefunden, wie geschichtsträchtig dieser Ort war. Mit zunehmender Begeisterung hatte sie der ersten Station entgegengesehen. Die Aus- sicht, sich dort ihrer Leidenschaft, der römischen Geschichte, wid- men zu können, hatte sie über den Gendarmerieposten hinwegse- hen lassen. Es konnte ja auch ganz angenehm sein, sich endlich einmal nicht mit Mord und Totschlag herumärgern zu müssen. Sie hatte beschlossen, die erste Station als sanften Einstieg zu betrachten, quasi als bezahlten Urlaub. Ohnehin würde sie spätestens in Arles, der zweiten Station, wieder verstärkt mit dem üblichen kriminalistischen Alltag konfrontiert werden. So hatte sie gedacht, als sie eine Woche zuvor in dem malerischen Städtchen angekommen war.

Leider war ihr Arbeitsbeginn von zugleich angespannter und zäher Natur gewesen. Beim Gedanken an Capitaine Claude-Jean Bernard, der die Gendarmerie in Vaison leitete, kräuselte sich ihre Stirn. Deutlich hatte sie bei ihrer ersten Begegnung gespürt, wie dessen kritischer Blick an ihr heruntergewandert war. Ihr aus Jeans, weißem T-Shirt mit anthrazitgrauem Jackett und flachen Lederschuhen bestehendes Outfit schien ihn wenig anzusprechen. Zu allem Überfluss überragte sie ihn um knapp zehn Zentimeter.
»So, so, aus Deutschland? Um das vorneweg einmal klarzustellen, Madame Richter, Sie befinden sich hier bei der Gendarmerie, und wir von der Gendarmerie sind allesamt beim Militär ausgebildet worden. Offiziersschule! Nicht zu vergleichen mit der police muni- cipale, das ist etwas ganz anderes!«
Hannah wusste sogleich, dass es kein Spaß werden würde, mit ihm zusammenzuarbeiten. Doch zwölf Dienstjahre in einem immer noch männerlastigen Metier hatten sie ihren Weg mit derartigen Erschwernissen finden lassen.
Sie nahm den letzten Schluck aus der Tasse und verzog das Ge- sicht. Nun gut. Sie würde die Hoffnung nicht aufgeben und weiter nach einem Stammcafé für ihren morgendlichen Koffeinschub su- chen.
In der Dienststelle der örtlichen Gendarmerie herrschte gemütliche Ruhe. Capitaine Bernard hatte einen auswärtigen Termin, von dem er erst am Nachmittag zurückkehren würde. Hannah war im Begriff, den PC in ihrem Büro hochzufahren, als das Telefon im Vorraum läutete. François Rigaud, ambitionierter Absolvent der Offiziershochschule der nationalen Gendarmerie in Melun und erst seit einem knappen Jahr in Vaison, nahm den Anruf entgegen. Binnen kürzester Zeit schlug seine Stimme einen hektischen Tonfall an und Hannah sah rote Flecken auf seinem Gesicht erscheinen.

»Ein Mann hat sich letzte Nacht im römischen Theater in Orange erhängt«, teilte er Hannah mit, nachdem er aufgelegt hatte. »Ganz spektakulär, direkt vor der Nische mit der hohen Kaiserstatue, mittig über der Bühne. Unbegreiflich, wie er das geschafft hat, in der Höhe. In Orange ist die Hölle los …«
»Und da ruft man ausgerechnet Sie an, Rigaud?« Hannah konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen.
»Na ja …« Der Kollege druckste herum. »Ein Kumpel von mir in der Dienststelle dort …«
Hannah kannte das antike Theater lediglich von Bildern. Die gut erhaltene Bühnenwand war einzigartig in der westlichen Welt und 1981 zum Weltkulturerbe der UNESCO erklärt worden. Nun hatte jemand diese Wand entweiht.
Sie betrachtete ihren Schreibtisch, auf dem nur einige wenige Taschendiebstahlmeldungen ihr Unwesen trieben, und zögerte nicht lang.
»Halten Sie hier die Stellung, Rigaud, ich bin in ein paar Stunden zurück.« Ohne auf die Proteste des jungen Gendarmen einzugehen, verließ sie raschen Schritts die Dienststelle, lief zu ihrem alten Polo und machte sich auf den Weg in das nur 30 Kilometer entfernte Städtchen.

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